aktuelle Ausstellung: "Code 2D - 3D"

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Galerie wieder zu den gewohnten Zeiten geöffnet !

Eine nach Voranmeldung unter > mobil: 0676 518 3201   oder   e-mail: galerie@hrobsky.at  erleichtert die Koordination.

Einführungstext: Julia Schuster,(Kunsthistorikerin / Kuratorin STRABAG Kunstforum )                         Dauer der Ausstellung: 23.4. 2020 - 13.6. 2020

 
Die Ausstellung „Code 2D_3D“ präsentiert vier Künstler*innen, die sich in ihrer Kunst der Eroberung des Raums verschrieben haben, sei es in Form flächiger Zeichnung und Druckgrafik oder als real raumgreifendes Objekt.
Die Arbeiten von Alexandra Deutsch, Larissa Leverenz, Martina Tscherni und Reinhard Wöllmer behandeln eine reale und eine fiktive Raumwahrnehmung, sie laden uns ein, sich hineinzudenken und hinein zu fühlen in konstruierte Welten. ...
 
... sohin geht es um eine Kunst, die lebensnah und raumgreifend ist, eine Kunst, in die man sich hineindenken und ja, vor allem auch hineinfühlen kann. [ J. Schuster ]
 Seite 1 rechts:   Deutsch A.
Seite 2 rechts:  Leverenz L.
Seite 3 rechts:   Wöllmer R.
Seite 4 rechts:  Tscherni M.
Alexandra Deutsch: 
Ihre Objekte scheinen der Inspiration durch die Natur zu entstammen – auf den ersten Blick wirken die Gebilde sehr vertraut, wie Formen, die in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben sind und die wir schon immer gekannt zu haben vermeinen. Hier scheint sich das unendliche Formenrepertoire der Natur in der Objektkunst niederzuschlagen. Und doch bleiben die Arbeiten der Künstlerin geheimnisvoll, mit einem Funken Unklarheit — ein kleines Wunder. Die Papierobjekte sind abstrakte Gebilde mit organischen Formen, die entfernt an exotische Pflanzen, an Fossilien oder Wurzelsysteme erinnern. Wabernde Formen, Lamellen und Tentakel, Rillen und Grate, Einkerbungen und zu tiefen Falten geworfene Oberflächen erobern grazil und zerbrechlich und zugleich mit charakteristisch intensiver Farbigkeit und außergewöhnlicher Präsenz den Raum. Sowohl die Wahl strahlend-bunter Farben als auch die organische Formgebung der Objekte ist auf Inspirationen zurückzuführen, die die Wiesbadner Künstlerin bei Aufenthalten in Südamerika gewonnen hat. Deutsch's Arbeiten sind aber auch ein Spiel mit starken Kontrasten – es geht um den Gegensatz von Farben oder Formen, um ausgehöhlt und erhaben, um hell und dunkel, um Zurückhaltung und Präsenz. Das Material der Künstlerin ist dabei das Papier – feinstes handgeschöpftes Papier, das in konstruiert-organischen Formen erstarrt. Die Objekte scheinen sich in die Unendlichkeit des Raumes hinauszutasten, sie schaffen auf künstlerischer Ebene eine zutiefst begehrenswerte Emotion: zugleich verwurzelt zu sein und doch fliegen zu können.
Larissa Leverenz:
Ihre multiperspektivisch konstruierte Bildräume lassen sich nicht auf den ersten Blick erfassen. Hier streckt sich ein schräger Turm ins Unendliche, dort verliert sich eine Mauer im Nirgendwo und irgendwo gleitet ein scheinbar schwebender Balken ins Bildgeschehen. Mittendrin in diesem surrealen, von architektonischen Elementen definierten Bildraum befinden sich jedoch auch fassbare Elemente, Körperteile und Habseligkeiten, Alltagsgegenstände und Symbole, die sich mit der sie umgebenden Struktur zu einem ganzheitlichen Bildsystem mit neuem Kontext aufbauen. Die Künstlerin schafft damit en Bildsystem, das ganz bewusst mit überlieferten Sichtweisen bricht. Leverenz zwingt die Betrachter*innen, ihren Standpunkt ständig neu zu überdenken und zu definieren, während diese aus den Bildern wie aus einem Tagebuch der Künstlerin lesen dürfen. Die Arbeiten der gebürtigen Kölnerin und in Wien lebenden Künstlerin erzählen persönliche Geschichten, sie sind durchdrungen von ihrem Alltag, von ihrer Kindheit, ihren Träumen und ihren Ängsten. Leverenz ist dabei Erzählerin und Drehbuchautorin zugleich, sie entscheidet, wieviel Sonderbares und Alltägliches, wieviel Vertrautes und Überraschendes, wieviele ihrer Sehnsüchte sie preisgibt. Die Welten, die Leverenz entstehen lässt, entfalten in all ihrer aufgeladenen Symbolik eine fremdartige, undefinierbare Schönheit und Leichtigkeit, die durch ein geschicktes Verweben unterschiedlicher künstlerischer Techniken grazil unterstützt werden: Die Künstlerin druckt im Siebdruckverfahren, zeichnet, malt und collagiert auf hellem, feingemaserten, unbehandelten Pappelholz. Waren in früheren Arbeiten noch mehrere Platten ineinander verschachtelt oder erstreckten sich aneinandergereiht installativ in den Raum, so liegt der Fokus bei den nun klassischen Formaten auf einer lustvollen und spielerisch anmutenden Verwendung intensiver Farben, die den neuen Arbeiten mal eine diffuse Dynamik, mal aufbrausende Heiterkeit verleihen.
Martina Tscherni:
Sie ist leidenschaftliche Zeichnerin, und zwar eine jener Zeichnerinnen, die ihre Umwelt, sei es im Winzigkleinen oder Riesengroßen, akribisch beobachtet und dann ausgesuchte Elemente aus Flora und Fauna wiedergibt. Die gebürtige Tirolerin findet in der Natur die Motive für ihre Zeichnungen. In Martina Tschernis Werk manifestieren sich Darstellungen von Gehirnwindungen, Gebirgsketten, mikroskopisch vergrößerten Algen, Eisstaub oder Hirschkäfern. Auf die anatomisch korrekte Wiedergabe legt die Künstlerin ganz besonderen Wert und so macht sie sich ganz entspannt auf den Weg – sie beginnt zu zeichnen, als würde sie sich auf eine lange Reise begeben, lustvoll, Schritt für Schritt, mit dem Gefühl, viel Raum und Zeit vor sich zu haben. Nur mit dieser inneren Ruhe und Geduld ist es erklärbar, dass Martina Tscherni ihre großformatigen und doch ungemein feinteiligen Zeichnungen und sogar bereits mehrere über 20 Meter lange Rollen vollenden konnte. Darauf finden sich Moostierchen, Kalkschwämme, Algen und weitere Formen aus dem unerschöpflichen Fundus der Natur. Wenn die Künstlerin sich etwa mit „Kryokonit“ – „Eisstaub“ – beschäftigt, dann geht dem das Studium dieses Materials voran, das wir gemeinhin unter dem Überbegriff „Dreck“ subsumieren können, als all das, was ein Gletscher in seiner Bewegung so unter und in sich ansammelt, Steinschliff, Samenkapseln, Algen … – eine „blühende Wiese“, würde die Gletscherforschung dazu sagen. Martina Tscherni nimmt sich auch der kleinsten Eisstaub-Partikel an und füllt ihre Zeichnungen wie Skizzenbücher, als Ansammlung des unerschöpflichen Formenrepertoires der Natur.
Reinhard Wöllmer:
Er setzt sich in seinem Werk ebenfalls mit der Wirkung von Farben und Formen auseinander. Der Nürnberger Künstler, der sich selbst als „Objektkünstler mit malerischem Hintergrund“ definiert, hat sich den mannigfaltigen Möglichkeiten des Werkstoffs Papier verschrieben. Er entwickelt und verfolgt über Jahre hinweg mit viel Intuition, Experimentierfreude und Präzision mehrere Werkserien nebeneinander. Einer fröhlichen Farbigkeit, den Motiven des Kreises und der konzentrischen Bewegung sowie parallel verlaufenden Linien begegnet die Betrachter*in beständig, doch ist es das Überraschungsmoment, das Wöllmers Objekte so lebendig macht, jene Erkenntnis, dass die Arbeiten je nach Blickwinkel unterschiedliche, ganz eigenständige Formen annehmen. Sie verfügen über einen Körper und erobern den Raum mit ihren Riffelungen, Wülsten und Löchern. Die Arbeiten der Werkserie „Struktur“ fertigt der Künstler aus leuchtend eingefärbtem Papier, das zu konvexen Scheiben gepresst wird. Die Grate von „Struktur radial shady“ wurden je auf einer Hälfte der orangen Scheibe zusätzlich mit blauem, auf der anderen Hälfte mit gelbem Buntstiftabrieb gefärbt. Der dadurch hervorgerufene Simultankontrast bewirkt für das menschliche Auge die verzerrte Wahrnehmung zweier unterschiedlicher Orange-Grundtöne des Objekts. Auf ähnlich indirekte Weise spielt der Künstler mit unserer Farbrezeption in den „Farbraumreliefs“: Auf Holzrahmen aufgeleimtes Büttenpapier hinterlegt Wöllmer auf der vom Auge abgekehrten Seite mit farbigen Streifen, sodass eine Reflexion der Farbe über die Wand erfolgt, die ihrerseits zum Bestandteil des Objektes wird und dessen räumliche Wirkung intensiviert. Als Kontrast zu den farbintensiven Objekten stellt seit nahezu zwei Jahrzehnten die Serie „Corte“ einen reduzierten Ausgleich in Wöllmers Werk dar und fasziniert sowohl durch die Präzision ihrer Ausführung als auch durch die sich stetig verändernden Variationen des Grundthemas. Nirgendwo wird deutlicher, dass Wöllmers Arbeiten in der Tradition der Konkreten Kunst stehen, doch haben sie jedes Dogma abgelegt und sind ganz der Emotion und der Intuition des Künstlers verpflichtet.
[ J. Schuster ]